Die Kunst der reinen Entschlossenheit

Lignin ist nach Zellulose nicht nur eines der häufigsten organischen Materialien auf der Erde, sondern auch erstaunlich widerstandsfähig. Also warum sollte jemand freiwillig versuchen, mit der nackten Hand, genau durch diese Verbindung zu schlagen — durch ein 20 Millimeter starkes Holzbrett?

Weil es bei dieser Übung nicht um rohe Gewalt geht, sondern um Entschlossenheit.

Wenn wir nämlich die Fäuste ballen und die Maserung sowie jede kleine Unregelmäßigkeit des Holzes noch einmal abscannen, meldet sich etwas in uns. Spoiler: Es ist nicht der Held. Es ist eher, als säßen wir für einen kurzen Augenblick auf einem billigen Kinositz, während Angst und Unsicherheit eine neue Filmrolle in unseren Kopf einlegen. Es flackern Szenen auf, in denen wir uns die Hand brechen. Uns vor allen anderen blamieren. Und wie so oft an einer unbekannten Aufgabe scheitern. Zu guter Letzt läuft vor unserem inneren Auge noch der Gedanke ab, dass wir vielleicht gar nicht der Typ Mensch sind, der Bretter zerschlägt.

Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten:

Wir schauen den Film weiter. Lassen uns davon berieseln, konsumieren süßes Popcorn, um die Szenen erträglicher zu gestalten, und wickeln uns in die flauschige Decke unserer Rechtfertigungen — bis wir dem Brett schließlich den Rücken zuwenden.

Oder wir treffen eine bewusste, reflektierte Entscheidung. Wir fragen uns, ob dieser Film, der aus Selbstzweifeln zusammengestückelt wurde, wirklich das Prädikat „wertvoll“ verdient. Und wenn die Antwort Nein lautet, dann handeln wir mit aller Entschlossenheit.

Bruce Lee sagte einmal:
Der Feind jeder Entwicklung ist die Schmerzphobie – die fehlende Bereitschaft, auch nur ein kleines bisschen Leiden auszuhalten.

Trotzdem steht Sicherheit in unserem Dojo an erster Stelle. Beim Bruchtest achten wir, wie bei jeder Übung, darauf, dass sich niemand verletzt. Es geht nicht darum, Schmerz zu suchen, sondern darum, sich nicht länger von der Vorstellung davon beherrschen zu lassen. Das eigentliche Hindernis ist nicht das Holz. Es ist der Moment bevor die Hand auftrifft. Das, was uns zurückhält, sind oft nur falsche Vorstellungen. Und diese scheinen manchmal unüberwindbar bis wir anfangen, uns zu bewegen.

Natürlich bedeutet das nicht: Augen zu und durch. Es bedeutet nicht, blind auf etwas einzuschlagen, nur um sich selbst etwas zu beweisen. Wir beginnen daher fast demütig vor dem Brett zu stehen. Wir nehmen die Situation bewusst wahr und bereiten uns darauf vor.

Eine ruhige Atmung fokussiert uns. Eine ruhige Körperhaltung kanalisiert Energie. Und mit einem ruhigen Blick, der nicht auf das Stück Holz, sondern hindurch gerichtet ist, visualisieren wir uns Ziel.

  • Am Anfang steht die Reflexion.

  • Dann die Entscheidung.

  • Der Schlag folgt letztlich der Entschlossenheit.

Das Brett vor uns steht sinnbildlich für all die Situationen, in denen wir tagtäglich entschlossen handeln müssten. Vielleicht um eine schlechte Angewohnheit loszuwerden, vielleicht um ein unangenehmes Gespräch zu suchen.

„Entschlossenheit ist wie ein scharfes Schwert. Zögerst du im entscheidenden Moment, verliert sie ihre Schneide.“


Beim Bruchtest bedeutet das: Wer im Schlag zurückhält, gibt dem Holz die Chance, standzuhalten. Wer den Schlag jedoch gesammelt, klar und mit voller Konsequenz durchzieht, erlebt, dass das Brett fast so leicht bricht wie Styropor.

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